Furchtlos auf Nachtwallfahrt bis nach Strullendorf

Foto: Ralf Jakob

HEILIGENSTADT/STRULLENDORF (raj) - „Fürchte dich nicht – lebe!“ – beflügelt von diesem Motto wanderten 100 Wallfahrer und Wallfahrerinnen zwölf Stunden lang durch den östlichen Bamberger Landkreis. Von Heiligenstadt aus ging es 24 Kilometer lang überwiegend auf schmalen Pfaden und Waldwegen über Tiefenpölz, Teuchatz, der Wallfahrtskapelle Steinknock und Amlingstadt zum gesteckten Ziel in Strullendorf. Dort fand in der Pfarrkirche St. Paul der frühmorgendliche Abschlussgottesdienst statt. Die Teilnehmenden – mit einem Frauenanteil von mehr als 60 Prozent - kamen aus der ganzen Diözese mit einem Schwerpunkt aus der Bamberger Gegend und der Fränkischen Schweiz. Aber auch Teilnehmerinnen aus Coburg, Kulmbach sowie Herzogenaurach und Nürnberg waren vertreten.

Die „etwas andere“ Wallfahrt

Seit weit mehr als 20 Jahren bietet die Diözesanstelle „Berufe der Kirche“ des Erzbistums Bamberg diese Wallfahrt „der besonderen Art“ an. Ursprünglich für Jugendliche gedacht, die sich dabei mehr Klarheit für die eigene persönliche Zukunft verschaffen wollten, hat sich die Zielgruppe inzwischen hin zu den etwas „reiferen“ Erwachsenen verändert. Geblieben ist bis heute das Konzept, bewusst nicht einen bekannten Wallfahrtsort anzusteuern, sondern sich jedes Jahr über Stock und Stein auf ganz unterschiedlichen Streckenführungen im Gebiet der Erzdiözese Bamberg zu bewegen und dabei ganz unterschiedliche Kirchen aufzusuchen. „Sonst wäre ich auch nicht mehr dabei“, sagt Kathrin Distler, die inzwischen aufgehört hat, ihre Mitwirkung bei dieser „anderen“ Nachtwallfahrt zu zählen. Denn genau das macht für sie den besonderen Reiz dieser Veranstaltung aus: immer wieder neue Gegenden, Ortschaften und Kirchen zu entdecken. Seit einigen Jahren engagiert sie sich ehrenamtlich zusammen mit ihrem Vater Manfred Distler bei der Auswahl der Pilgerroute und gestaltet auch inhaltlich mindestens eine Station eigenverantwortlich mit. Zuerst muss man sich für einen Zielort entscheiden, sagt sie. Dann sucht und entwirft man am Computer eine mögliche Streckenführung mit vier bis fünf Haltepunkten in Kirchen.  Das Schwierigste dabei, sagt Distler, ist jemand zu finden, der noch weit nach Mitternacht bereit ist, etwa hundert müden und durstigen Pilgern einen Platz zum Ausruhen zu bieten und heiße wie kalte Getränke zu servieren. Durch diese begrenzte Personenkapazität der nächtlichen Raststätte wird auch die höchst mögliche Teilnehmerzahl festgelegt. Mehr als 100 Personen sind organisatorisch – ohne größeren Aufwand -  kaum zu bewältigen. Gemeinsam mit Schwester Maria Uttenreuther von der Diözesanstelle „Berufe der Kirche“, die zuvor die Pfarrer und Mesner der angelaufenen Kirchen kontaktiert hat, wird dann die Wegstrecke mindestens einmal abgelaufen und die besonderen Wegabzweigungen genauestens notiert. Dabei werden auch die für die einzelnen Teilstrecken erforderliche Gehzeit und die gefährlichen Kreuzungen mit Ortsverbindungstraßen notiert. Manfred Distler fährt dann bei der Wallfahrt das Begleitfahrzeug und sichert mittels Warnblinklicht die gefährlichen Straßenkreuzungen ab, so dass keine weiteren Hilfen durch die Polizei oder die Feuerwehren notwendig werden. Für viele Wallfahrer machen diese neuen und zumeist unbekannten Wege und Kirchen den besonderen Reiz dieser Wallfahrt aus. Franz aus Hetzles beispielsweise ist schon zum siebten Mal dabei und freut sich jedes Jahr auf neue Wege und Landschaften. Der ausgebildete Wallfahrtsführer leitet seit Jahren selbst Wallfahrten nach Gößweinstein, möchte aber diese Wallfahrt durch die Nacht keinesfalls missen.

Spirituelle Impulse und perfekte Organisation

Neben der perfekten Organisation sind es in erster Linie die besondere Atmosphäre einer Nachtwanderung, der Erlebniswert von erlebter Stille auf dem gemeinschaftlichen Weg, die Gesänge aus dem Bereich der „neuen geistlichen Lieder“ sowie die inhaltlich gut aufeinander abgestimmten geistigen Impulse, die den fortwährenden Erfolg dieser Veranstaltung erklären.

Inge aus Aufseß ist zum ersten Mal dabei und wurde von ihrer Schwester zum Mitlaufen animiert. „Mir hat es sehr gut gefallen“, sagt sie. Besonders die Nacht sei erstaunlicherweise sehr kurz gewesen, „wenn man sie einfach in netter Begleitung durchläuft“. Ähnlich äußert sich Elli aus der Nähe von Heroldsbach, die von ein paar Freundinnen, die schon öfters dabei waren, mitgenommen wurde. „Durch die Nacht zu laufen, war super“, sagt sie. Es sei auch nicht zu anstrengend gewesen. Denn auch „das Wetter hat gepasst!“ In dieser Nacht war es zwar teilweise empfindlich kühl, so dass von den aufmerksamen Helfern beim nächtlichen Halt in Teuchatzer Sportheim gar die Heizung aufgedreht worden war. „Aber beim Laufen wird einem schon schnell warm“, sagt sie. Carmen, mit 16 Jahren die jüngste Pilgerin, haben die modernen Lieder in der Kirche am besten gefallen. Die von Michael Dotzauer, dem Spiritual und Leiter der Diözesanstelle, auf der Gitarre begleiteten „neuen geistlichen Lieder“ passten perfekt zu den inhaltlichen Impulsen.

Beim nächtlichen Halt an einer Holzskulptur zwischen Burggrub und Tiefenpölz bittet die Gruppe angesichts des dargestellten überlebensgroßen „Engel der Gelassenheit“ darum, den abgelaufenen Tag tatsächlich auch „los-lassen“ und in Gottes Hand zurückgeben zu können – ohne fortwährend darüber nachzusinnen, was man hätte besser machen können. „Gott steht Dir zur Seite in jedem Augenblick des Lebens – genauso wie Dein Atem Dich begleitet“, hieß es in der Kirche Sankt Martin in Tiefenpölz. Nachdem die Teilnehmenden ganz achtsam ihren eigenen Atem „er-spürten“, besangen sie im gemeinsamen Lied: „der uns atmen lässt, bist Du lebendiger Gott!“ In der Kirche Sankt Ägidius, einer der ältesten „Urkirchen“ des Bamberger Umlandes in Amlingstadt durften die Wallfahrer sich ganz real ihren Platz in der im Stile des Spätbarocks ausgestalteten Kreuzkirche suchen und mit zum Himmel ausgebreiteten Händen Gottes Kraft und Segen „er-spüren“. Zum frühmorgendlichen Gottesdienst am Zielort Strullendorf zogen die dann sichtlich müden Wallfahrer mit Glockengeläut und vollem Orgelklang in die Kirche Sankt Paul ein. Doch spätestens beim reichhaltigen Frühstücksbüffet waren die Lebensgeister der Wallfahrenden erwacht und euphorische Stimmung machte sich breit. „Spätestens nächstes Jahr zur Nachtwallfahrt sehen wir uns wieder“ waren die meistgehörten Abschiedsworte bei den Teilnehmenden. 

                                      Fotos und Text:     Ralf Jakob

Nachtwallfahrt 2018