Ein Wochenende mit Gott

Bild: Steven Dreyer

„Exerzitien, das ist Urlaub mit Gott.“, so führte uns Pater Michael Schneider SJ in unsere drei anstehenden Besinnungstage ein. Ich muss zugeben, bei der Aussicht auf drei Tage lang Schweigen, packte mich nicht gerade die größte Freude. In den letzten Wochen hatte sich so manch interessantes Gespräch im Eschaton ergeben, wenn ich des Abends mal keine Lust auf mein Zimmer hatte. Diese Alternative fiel jetzt flach. Und so trotteten wir also am 6. Juni zuerst zur Vesper (Abendgebet), dann zum Abendessen und spätestens beim Verlassen des Speisesaales wäre das letzte Wort für die nächsten Tage gesprochen. Ein geistlicher Impulsvortrag noch, dann die Komplet (das Nachtgebet der Kirche) – dann staunte ich: so still habe ich das Seminar wirklich noch nie erlebt!

An so manch anderem Tag hätte ich mir so eine Stille gewünscht, an diesem Abend nicht. Also suchte ich mir eine Ablenkung und fand das Exerzitien-Handbuch des Paters, in dem wir ja ohnehin gewisse Seiten lesen sollten… Was ich darin las, sollte ich erst am nächsten Vormittag verstehen. Deswegen setzte ich mir nur den Spaziergang auf den Exerzitien-Plan.

Es wurde Nacht, es wurde Morgen: erster Tag. Wie üblich für einen Sonntag startete der mit den Laudes (Morgengebet). Auf dem Weg zum Frühstück rutschte mir doch tatsächlich ein (erlaubtes) „Guten Morgen!“ raus, nur ein Blick, keine Erwiderung – na das geht ja gut los…

Auch der nächste Impulsvortrag machte es nicht besser, aber das Thema war zumindest spannend: Was ist mein inneres Lebensprojekt?

Unsere Exerzitien bestanden aus drei Kernelementen – neben dem Tagzeitengebet und der Eucharistiefeier: Vortrag, Meditation, Reflektion. Bevor ich mich darauf einlassen konnte brauchte ich aber wirklich erstmal viel frische Luft. Ich machte eine Tour am Hain vorbei. Der verhangene Himmel, die leichte Kühle und feuchte Luft waren perfekt und ich merkte, wie mein Kopf frei wurde und ich mich auch wieder mit dem Schweigen anfreundete. Ich rief mir in Erinnerung, dass ich mir in den letzten Wochen ohnehin eine Zeit des Rückzugs und der intensiven Gottessuche gewünscht hatte. Alltag ist eben Alltag und nicht „Gotttag“.

Nun fügte sich alles zusammen: die Stille, das Schweigen, das Nebeneinanderher, aber eben nicht miteinander – es wurde zu einer künstlichen Einsamkeit, zum Rückzug aus der Welt. Wer ständig von seinem Alltag in Anspruch genommen wird, dem gelingt es schwerer zu lauschen. Aber gerade hier, im Propädeutikum, sollen wir doch besser auf Gott hören lernen… Schwer, wenn täglich neue Hebräisch-Vokabeln auf dich warten, die Pflichten für die Gemeinschaft, Kontakte zu Freunden usw. Nimmt man diesen Alltag weg, gelangt eine andere Stimme an dein Ohr. Schon der Prophet Elija konnte Gott erst im sanften Säuseln des Windes – nicht im Sturm – vernehmen (vgl. 1 Könige 19,1-15). Wieder am Seminar angekommen, war ich endlich auch in den Besinnungstagen angekommen.

In der folgenden Zeit lernte ich den abgeschiedenen Meditationsraum und das Holzbänkchen sehr zu schätzen. Mir gegenüber: Christus am Kreuz.

  • Welche Menschen haben mich bis heute geprägt?
  • Was verdanke ich diesen Menschen?
  • Beten des Vaterunser – und zwar Wort für Wort
  • Schriftbetrachtung (Jesus sagt: „Liebst du mich?“, Joh 21), (Jesus bändigt den Sturm, Lk 8,22-25) – Was macht mir Angst?

Das sind nur ein paar der Fragen und Aufgaben, denen wir in diesen Tagen nachgegangen sind. Und irgendwann reift da die Antwort auf die Frage, was Gott denn eigentlich für mein Leben geplant hat. Es ist wie eine mühselige Spurensuche, wenn du die einzelnen Indizien zusammenfügst, ergibt es ein bestimmtes Bild, das die richtige Richtung weißt.

Überall werden wir mit dem Wort „Berufung“ konfrontiert. Seine Berufung finden oder klären, Propädeutikum, Priester werden – diese ganzen Schlagworte. Was aber wirklich zählt, ist eigentlich nur diese eine bestimmte Lebensaufgabe, das „innere Lebensprojekt“!

Die Berufung, als Weg hin zu einem speziellen Dienst für die Kirche – also für die Menschen – ist dann nur der äußere Ausdruck des ganzen. Dennoch kann ich von Gott auch zu einem anderen Beruf berufen sein. Nicht umsonst sind sich diese beiden Wörter, Beruf und Berufung, so ähnlich.

Exerzitien helfen, eine (manchmal quälende) Frage zu klären und auch den „inneren Dämonen“ der eigenen Schwächen ins Auge zu blicken. So komme ich Stück für Stück bei mir selbst und bei Gott an.

Ich würde zwar nicht sagen, dass ich mit Gott Urlaub gemacht habe – denn dazu habe ich zu viel nachdenken müssen – aber ich hatte ein Wochenende mit Gott!

 

Text: Andreas Eichler
Foto: Steven Dreyer